Das Wichtigste in Zahlen
- Bis zu 3 Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe drohen bei unbefugter Tonaufnahme des nichtöffentlich gesprochenen Wortes (§ 201 StGB). 6
- 1 Person pro Interview ist laut Haus der Bayerischen Geschichte einfacher als mehrere, weil mehrere schnell durcheinander sprechen. 1
- Rund 1 Woche nach dem Gespräch empfiehlt die Handreichung des Anne Frank Zentrums einen Anruf, um sich zu bedanken und zu fragen, wie es der Person ergangen ist. 2
- 10 Jahre nach dem Tod braucht die Verbreitung eines Bildnisses die Einwilligung der Angehörigen (§ 22 KUG). 7
Was ist ein Zeitzeugeninterview, und was kann es leisten?
Das Haus der Bayerischen Geschichte beschreibt Zeitzeugeninterviews als Quelle, die ein spontanes, lebendiges Bild der Vergangenheit und einen persönlichen Eindruck von erlebter und erlittener Geschichte vermittelt 1. Dieselbe Quelle warnt im nächsten Satz: Man müsse kritisch mit ihr umgehen, denn Erinnerungen haben keinen umfassenden Wahrheitsanspruch und können sehr subjektiv, unvollständig und unausgewogen sein; Aussagen müssen geprüft und eingeordnet werden 1. Das Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland will nach eigener Darstellung ebenfalls für die Besonderheiten des Mediums „Zeitzeugeninterview“ sensibilisieren 3.
Für Ihr eigenes Gespräch heißt das: Ein Interview ist kein Protokoll der Vergangenheit, sondern die Erzählung eines Menschen über das, woran er sich erinnert und was er mitteilen möchte. Gerade deshalb ist es wertvoll. Es ersetzt keine Urkunde und keine Zeitung, es ergänzt sie. Nicht nur für Schulprojekte und Geschichtsvereine, auch in der Familie sind Interviews eine Quelle; wb-web nennt Interviews mit Personen aus dem Kreis der Familie und Bekannten ausdrücklich als Möglichkeit 9. Wie Sie solche Gespräche in der Familie anlegen, steht in Fragen an Großeltern und Eltern.
Wie bereite ich ein Zeitzeugeninterview vor?
Das Merkblatt des Hauses der Bayerischen Geschichte und die Handreichung des Anne Frank Zentrums (entstanden für Projekte mit Jugendlichen) nennen übereinstimmend einige Vorarbeiten 1,2:
- Verwendungszweck klären: Geht es nur darum, Informationen zu erfragen, oder soll das Interview später gezeigt, gedruckt oder veröffentlicht werden? 1
- Die Person informieren: Sie muss über den Verwendungszweck und eine eventuelle Veröffentlichung des Interviews informiert werden 1.
- Ein Vorgespräch führen: Es dient dem gegenseitigen Kennenlernen und baut Vertrauen auf; häufig ergeben sich neue Aspekte, die im Interview vertieft werden können 1,2.
- Nach Fotos und Erinnerungsstücken fragen: Zeitzeugen sollten nach Zeugnissen an das Erlebte gefragt werden 1.
- Eigenes Wissen einordnen: Man sollte das Erzählte einordnen und kritisch nachfragen können 1.
Bei einer Frage unterscheiden sich die beiden Quellen. Das Merkblatt empfiehlt, der Person einen schriftlichen Fragekatalog möglichst vor dem Interview zu geben, damit sie sich vorbereiten kann 1. Die Handreichung des Anne Frank Zentrums sagt dagegen, der Zeitzeuge müsse sich in keiner Weise auf das Gespräch vorbereiten, bittet aber darum, nach Möglichkeit Fotos oder persönliche Objekte mitzubringen 2. Wir entscheiden das nicht für Sie. Ein Kompromiss: Nennen Sie die Themen vorab, aber nicht jede einzelne Frage, und sagen Sie ausdrücklich, dass niemand sich vorbereiten muss.
Die Handreichung rät außerdem, die Frage nach der Eignung ernst zu nehmen: Besonders geeignet seien Menschen, die ihre Geschichte noch nie oder nur sehr selten erzählt haben 2. Wer die eigene Lebensgeschichte schon oft in derselben Form erzählt hat, bringt eher eine zurechtgelegte Fassung mit. Das gilt für Familiengespräche ebenso: Fragen Sie nach Einzelheiten, nicht nach der bekannten Anekdote.
Wie finde ich Zeitzeugen, und darf ich Verwandte befragen?
Wer jemanden außerhalb der Familie befragen möchte, nimmt laut der Handreichung am besten über eine vermittelnde Person Kontakt auf, die die Zeitzeugen gut kennt 2. Als Alternative nennt sie einen Aufruf in der lokalen Zeitung 2. Das Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte ist eine zentrale Video-Sammlung von Zeitzeugeninterviews zur deutschen Geschichte und zeigt, wie fertige Interviews aussehen können 3. Das Zeitzeugenbüro, ein Angebot der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bietet eine Zeitzeugensuche an 4.
Die Handreichung des Anne Frank Zentrums rät Jugendlichen in ihrem Schulprojekt davon ab, Mitglieder der eigenen Familie zu interviewen: Ein persönliches Verhältnis führe dazu, dass der Befragte bestimmte Erfahrungen und Erinnerungen zurückhalte 2. Auf der anderen Seite nennt wb-web Interviews im Familienkreis als Quelle für die Lebensgeschichte 9. Beides lässt sich vereinbaren, wenn man es als Abwägung versteht. Nähe schafft Vertrauen, kann aber auch Rücksicht und Schweigen erzeugen. Wer merkt, dass bestimmte Themen in der Familie nicht angesprochen werden, kann einen Besuch bei einer weniger nahen Person oder einen Brief erwägen. Das ist unser Vorschlag, keine Aussage der Quellen.
Welche Fragen stelle ich, und welche vermeide ich?
Das Merkblatt hält fest: Die Fragen sollten offen gestellt werden (keine Ja-Nein-Fragen), kurz und einfach sein, Suggestivfragen sollten vermieden werden, und die Person sollte nicht unterbrochen werden 1. Die Handreichung gliedert den Fragebogen in Themenblöcke wie Familie, Schule und Freizeit 2 und rät, geschlossene Fragen und Suggestivfragen zu vermeiden 2.
| Fragetyp | Beispiel (unsere Formulierung) | Wirkung |
|---|---|---|
| Geschlossene Frage | Haben Sie auf dem Land gewohnt? | Ja oder Nein beendet das Thema 1,2 |
| Suggestivfrage | War es nicht viel schöner damals? | Legt die Antwort in den Mund 2 |
| Offene Frage | Wie sah bei Ihnen ein gewöhnlicher Tag aus? | Lädt zum Erzählen ein 1 |
| Nachfrage | Was meinen Sie mit „schwere Zeit“? | Vertieft eine Aussage; Notizen helfen dabei 1 |
Fragetypen nach Merkblatt 1 und Handreichung 2; die Beispielfragen sind eigene Formulierungen.
Ordnen Sie die Fragen nach Themenblöcken und beginnen Sie mit leichtem Material, nicht mit dem Schwersten. Das Merkblatt gibt zwei weitere praktische Hinweise: ein einzelnes Gegenüber ist einfacher, weil mehrere Menschen schnell durcheinander sprechen oder sich ablenken 1, und je nach Alter und Gesundheitszustand ist es manchmal besser, mehrere kürzere Interviews zu führen 1. Eine Fragenliste nach Lebensabschnitten finden Sie in Fragen an Großeltern und Eltern.
Darf ich das Gespräch aufnehmen, und was gehört in die Einverständniserklärung?
Die Tonaufnahme ist strafrechtlich geschützt. Nach § 201 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer unbefugt das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen auf einen Tonträger aufnimmt 6. Wann eine Aufnahme befugt ist, regelt der Wortlaut nicht im Einzelnen; holen Sie das Einverständnis deshalb vorher ein. Das Merkblatt des Hauses der Bayerischen Geschichte sagt dazu, eine schriftliche Einverständniserklärung sichere rechtlich ab 1. Bei Foto- und Videoaufnahmen ist außerdem das Recht am eigenen Bild zu beachten: Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden 7. Ob und wie das auf Videoaufnahmen im Einzelfall anzuwenden ist, prüft diese Seite nicht.
Datenschutzrechtlich gilt: Die DSGVO nimmt die Verarbeitung ausschließlich für persönliche oder familiäre Tätigkeiten aus 8. Ob eine Aufnahme darunter fällt, entscheidet der Einzelfall; der Landesbeauftragte für den Datenschutz Baden-Württemberg versteht die Ausnahme sehr eng 10. Bei Zweifeln hilft die zuständige Datenschutzbehörde. Die Einwilligung nach der DSGVO braucht keine Schriftform, aber eine unmissverständlich abgegebene Willensbekundung 8; sie kann widerrufen werden, und der Widerruf muss so einfach sein wie die Erteilung 8. Die Zusammenhänge erklärt Erinnerungen von Angehörigen aufzeichnen: Datenschutz und Einwilligung.
Die Handreichung des Anne Frank Zentrums enthält im Anhang ein Muster für eine Einverständniserklärung. Es regelt die Veröffentlichung des Interviews und dessen nicht ausschließliche, zeitlich unbegrenzte und kostenlose Nutzung im Rahmen des Projekts, nennt Fotos aus dem Interview und geliehene Fotos oder Gegenstände als weitere nutzbare Unterlagen und lässt Raum für Ausnahmen und Ergänzungen 2. Die Erklärung wird nach dem Interview von beiden Seiten unterschrieben 2. Unsere Einschätzung: Für ein Familiengespräch ist dieses Muster sehr weit gefasst. Die folgende Tabelle stellt dar, was ein solcher Text regeln sollte; sie ist unsere Zusammenstellung und kein Rechtsmuster.
| Baustein | Inhalt | Herkunft |
|---|---|---|
| Wer und wann | Name der befragten Person, Datum, Unterschrift beider Seiten | Muster des Anne Frank Zentrums 2 |
| Verwendungszweck | Nur Familienarchiv, Buch, Weitergabe an ein Archiv oder Veröffentlichung? | Merkblatt 1 |
| Dauer der Nutzung | Das Muster sieht „zeitlich unbegrenzt“ vor 2; in der Familie lässt sich auch eine Befristung vereinbaren | Eigene Empfehlung |
| Fotos und Gegenstände | Welche Aufnahmen und welche geliehenen Dinge genutzt werden dürfen | Muster des Anne Frank Zentrums 2 |
| Ausnahmen | Passagen, die nicht verwendet werden dürfen | Muster des Anne Frank Zentrums 2 |
| Widerruf | Hinweis, dass die Einwilligung widerrufen werden kann | DSGVO Art. 7 Abs. 3 8 |
Zusammenstellung der Redaktion aus 1, 2 und 8. Keine Rechtsberatung; bei Veröffentlichung oder Archivübergabe Rechtsrat einholen.
Wie gehe ich mit belastenden Themen um?
Wer über Krieg, Flucht, Verfolgung oder Gewalt spricht, kann starke Gefühle erleben. Die Handreichung des Anne Frank Zentrums hält fest, dass die Zeitzeugen dem Gespräch zugestimmt haben, freiwillig erzählen und selbst bestimmen dürfen, welche Fragen sie nicht beantworten möchten und wann das Gespräch unterbrochen oder abgebrochen wird 2. Bei emotionalen Reaktionen sollen Interviewende in ihrer Rolle bleiben, so sachlich wie möglich reagieren, eine Pause anbieten und das Interview dann zu einem anderen Thema fortführen 2. Auch das Merkblatt rät dazu, auf emotionale Reaktionen vorbereitet zu sein und das Interview gegebenenfalls zu unterbrechen 1.
Das Zeitzeugenbüro der Bundesstiftung Aufarbeitung betont für die Nachbereitung von Zeitzeugengesprächen, dass ein sicherer Raum und ein offenes Ohr entscheidend sind, um das Erlebte wirken zu lassen 5. Ein Interview ist keine Therapie, und Sie sind nicht dafür zuständig, Erlebtes zu bearbeiten. Wenn ein Thema über das hinausgeht, was ein Gespräch am Küchentisch tragen kann, finden Sie im Kasten unten, an wen Sie sich wenden können.
Was tue ich nach dem Interview?
Das Merkblatt empfiehlt, jedes Interview in einem Verzeichnis festzuhalten: Name des Zeitzeugen, Geburtsdatum, Beruf oder Funktion, Einverständniserklärung zur Nutzung, Name des Interviewers, Ort, Zeit und Dauer, verwendete Technik und der Inhalt in Stichpunkten 1. Es rät, das Interview auf mehreren digitalen Datenträgern zu sichern und die Einverständniserklärung gut abzuheften 1. Auch ein Stadtarchiv könne an der Übernahme interessiert sein 1.
Menschlich wichtiger ist der Kontakt danach. Die Handreichung des Anne Frank Zentrums empfiehlt, nach rund einer Woche anzurufen, zu fragen, wie es der Person geht und wie es ihr mit dem Gespräch ergangen ist, und sich noch einmal zu bedanken 2. Ein solcher Anruf ist unter Verwandten ebenso angebracht. Prüfen Sie anschließend, was die Person erzählt hat, mit anderen Quellen; wie das bei Familiengeschichten gelingt, steht in Familienchronik schreiben. Wer aus Gesprächen einen Text machen will, liest Lebensgeschichte aufschreiben oder Erinnerungsbuch gestalten.
Häufige Fragen
Brauche ich eine schriftliche Einverständniserklärung?
Das Merkblatt des Hauses der Bayerischen Geschichte sagt, eine schriftliche Einverständniserklärung sichere rechtlich ab 1. Die DSGVO verlangt für die Einwilligung keine Schriftform, aber eine unmissverständliche Willensbekundung 8. Unser Rat als Redaktion: Für Aufnahmen, die Sie weitergeben oder veröffentlichen, ist die schriftliche Form sinnvoll.
Darf ich ein Gespräch heimlich aufnehmen?
§ 201 StGB bedroht die unbefugte Aufnahme des nichtöffentlich gesprochenen Wortes eines anderen auf einen Tonträger mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe 6. Wann eine Aufnahme befugt ist, regelt der Wortlaut nicht im Einzelnen. Holen Sie das Einverständnis vorher ein.
Kann die Person ihre Erlaubnis später zurückziehen?
Nach der DSGVO kann eine Einwilligung widerrufen werden; der Widerruf muss so einfach sein wie die Erteilung, und die bis dahin erfolgte Verarbeitung bleibt rechtmäßig 8. Wie das im Einzelfall wirkt, hängt vom Verwendungszweck ab.
Muss sich die Person auf das Gespräch vorbereiten?
Die Quellen sind nicht einig: Das Merkblatt empfiehlt, den Fragekatalog vorher zu geben 1; die Handreichung des Anne Frank Zentrums sagt, der Zeitzeuge müsse sich in keiner Weise vorbereiten 2.
Wie lange sollte ein Interview dauern?
Eine feste Dauer nennt das Merkblatt nicht. Es empfiehlt, auf Alter und Gesundheitszustand Rücksicht zu nehmen und gegebenenfalls mehrere kürzere Interviews zu führen 1.
Was mache ich, wenn die Person nicht über etwas sprechen will?
Respektieren Sie das. Zeitzeugen dürfen selbst bestimmen, welche Fragen sie nicht beantworten und wann das Gespräch unterbrochen oder abgebrochen wird 2. Bieten Sie eine Pause an und wechseln Sie das Thema 2.
Soll ich Familienmitglieder interviewen?
Die Handreichung des Anne Frank Zentrums rät Jugendlichen im Schulprojekt davon ab, weil Nähe das Erzählen hemmen kann 2; wb-web nennt Interviews im Familienkreis als Quelle 9. Wägen Sie ab, wie offen das Gespräch in Ihrer Familie sein kann.
Wie sichere ich die Aufnahme?
Das Merkblatt empfiehlt, das Interview auf mehreren digitalen Datenträgern zu sichern und ein Verzeichnis mit den wichtigsten Angaben anzulegen 1.
Quellen
- Zeitzeugeninterviews, ein Merkblatt, Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG). Abgerufen am 16. Oktober 2026
- Zeitzeugeninterviews: So leiten Sie Jugendliche an, Anne Frank Zentrum, Berlin (Handreichung zum Projekt Kriegskinder, 2012). Abgerufen am 16. Oktober 2026
- Zeitzeugenportal: Über uns, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Abgerufen am 16. Oktober 2026
- Zeitzeugenbüro, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Abgerufen am 16. Oktober 2026
- Tipps zur Nachbereitung eines Zeitzeugengesprächs, Zeitzeugenbüro, Bundesstiftung Aufarbeitung. Abgerufen am 16. Oktober 2026
- § 201 StGB, Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes, Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Abgerufen am 16. Oktober 2026
- § 22 KUG, Recht am eigenen Bild, Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Abgerufen am 16. Oktober 2026
- DSGVO, BDSG: Texte und Erläuterungen (Info 1), Stand März 2026, Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI). Abgerufen am 16. Oktober 2026
- Lebensgeschichte aufschreiben (Handlungsanleitung), wb-web, ein Projekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE). Abgerufen am 16. Oktober 2026
- FAQ Fotografieren und Datenschutz, Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg. Abgerufen am 16. Oktober 2026